Leichentuch und Lumpengeld

Historischer Kriminalroman
Erscheinungsdatum: 21.05.2008

1845, die Zeit vor der deutschen Revolution. In der preußischen Stadt Morgenthal findet der kleine Max die Leiche des Fabrikanten Emil Hartenau - ermordet. Merkwürdigerweise steckt in der Tasche des Toten ein demagogisches Gedicht. Ist der Mord politisch motiviert? Ein Sonderermittler aus Berlin, Justus von Kleist, wird in die Kleinstadt geschickt. Die Morgenthaler machen es ihm nicht leicht, Licht in die Angelegenheit zu bringen. Den Sohn und Erben des Toten, Moritz Hartenau, interessiert nur der Profit und sogar Gendarm Kürten sagt nicht alles, was er weiß. Fast gleichzeitig taucht der Franzose Elias Leclerc in der Stadt auf und erzählt von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Bei seiner Cousine Rachel Grünblatt rennt er offene Türen ein. Die junge Frau langweilt sich und engagiert sich mehr und mehr für die ausgebeuteten Weber und ihre Familien. Niemand ahnt, welches Unheil durch das Tun eines jeden Einzelnen heraufbeschworen wird …
Gabriella Wollenhaupt spielt auch in diesem historischen Roman ihre Stärke aus: Mit Ironie führt sie eine Zeit vor, in der Welten aufeinander prallten…




Leseprobe:
Der Morgen hat an dieser Stelle eine sanfte Biegung. Flussgras wiegt sich im Rhythmus der Strömung. Max sitzt etwas erhöht am Ufer und schaut nach den Barben. Wenn sie nach Luft schnappen, entstehen Wellenkreise. Zwischen Flusspflanzen und Ufer hat der Junge das Netz ausgelegt. Er hat es aus Webgarn geknüpft. Die Barbe ist ein guter Fisch. Weißes Fleisch. Viele Gräten, aber sie sind winzig. Vier hat er schon gefangen, seit das Netz vor zwei Wochen fertig geworden ist. Mutter hat aus den Fischen Frikadellen gemacht. Die waren lecker. Das Netz bleibt oft leer. Leider. Der Junge träumt von einer Angel. Wo er den Köderwurm graben kann, weiß er. Aber woher den Haken nehmen?
Heute ist Sonntag. Oft sitzt er auch an Schultagen hier. Oder er geht in die Fabrik, um Lohn. Schule ist sowieso langweilig. Vergeudete Zeit. Jeder weiß, dass Weberkinder mit der Schule nichts anfangen können. Bücher und das, was in ihnen geschrieben steht, machen nicht satt. Fische schon.
Er wartet. Ein leichter Wind kommt auf. Das Stockentenpaar gibt sich dem Windstrom hin und folgt der Kurve des Morgen. Der Junge sieht den Vögeln nach. Er wartet auf die Barben. Aber die richtigen Braten fliegen in den Himmel. Vom Fluss weht ein Geruch ans Ufer. Der Junge kräuselt die Nase und denkt an eine ertrunkene Kuh. Der schwarze Koloss bleibt in den Maschen des Netzes hängen. Das Kind läuft los, packt einen Ast, kehrt zum Ufer zurück, zieht das Treibgut heran. Es dreht sich um die eigene Achse. Der Junge schreit.


Rachel Grünblatt beobachtet ihre Mutter bei dem untauglichen Versuch, ihr Alter zu kaschieren. Marlene Grünblatt lässt sich vor dem Schminktisch nieder und vertieft sich in ihr fünfundfünfzigjähriges Spiegelbild. Mit den Zeigefingern beider Hände zieht sie die Mundwinkel nach oben. Statt fünfundfünfzig neunundvierzig. Sie lächelt sich an, vierundvierzig. Sie verharrt eine Weile und prüft den Haaransatz. Ihre Miene verrät Rachel: noch mehr graue Haare. Doch achtundvierzig. "Meinst du, ich sollte heute Abend das neue Mousselinekleid tragen?", flötet Marlene. In dem Kleid wirkt sie vielleicht wie sechsundvierzig.
"Ja, Maman", entgegnet Rachel ohne Interesse. "Du siehst entzückend aus in dem rosa Kleid."
"Es ist doch elfenbeinfarben", widerspricht die Mutter. "Kind, was ist bloß los mit dir? Hast du denn gar keinen Sinn für das Weibliche?"
Marlene Grünblatt beendet den Satz mit einem Seufzer. Ganz ehrlich: fünfzig. Rachel ist entschieden aus der Art geschlagen.
"Es gibt wichtigere Dinge als das Weibliche", entgegnet die Tochter prompt.
"Für dich aber nicht." Marlene Grünblatt hat ihrer Stimme einen besorgt-beleidigten Ausdruck gegeben. "Hör auf, Maman!", fordert Rachel. In ihren Ton zieht ein kleiner Stahlklang ein. "Du weißt, dass mich dieser Weiberkram nicht interessiert. Finde dich endlich damit ab."
"Wenn du dich damit abfindest, deine Bestimmung im Leben zu verfehlen und nie einen Mann und eine Familie zu haben", jammert die Mutter.
Rachel schweigt. Es hat keinen Sinn zu widersprechen. Seit zehn Jahren immer wieder das gleiche.
"Irgendwann wirst du einsehen, dass ich recht habe."
"Ja, Maman", seufzt Rachel - auf der Stirn die Falte, die bei Verärgerung aufzutauchen pflegt.
"Schau dich nur an, Kind", nörgelt Marlene Grünblatt weiter und lässt sich auf das Sofa fallen. "Immer diese schrecklich dunklen Farben! Und das Haar. Einfallslos, langweilig. Sieh dir die anderen jungen Frauen an. Ihre Kleider sind hell und verziert. Deine alte Mutter kleidet sich jugendlicher als du."
Rachel lächelt. Sie liebt ihre Mutter, sonst hätte sie ihr an den Kopf geworfen, dass die Garderobe der Madame Grünblatt in Morgenthal oft Gesprächsthema ist - nicht wegen ihrer Exklusivität oder Eleganz, sondern weil alles so unpassend ist: Mamans Kleider haben zu tiefe Ausschnitte und sind zu eng. Die albernen Keulenärmel sehen an den üppigen Oberarmen aus wie die verkrüppelten Flügel eines verunglückten Huhns. Marlene Grünblatt hat eine Vorliebe für Pastelltöne und goldfarbene Verzierungen. Auch bei der Auswahl ihrer Hüte greift sie zielsicher daneben. Marlene Grünblatt ist überrascht. Rachels Wutanfall scheint diesmal auszubleiben. Vielleicht hat das Kind ja doch noch ein Einsehen. Irgendwann. Doch Rachel ist schon achtundzwanzig - fast zu alt, eine Familie zu gründen.
"Bist du heute Abend dabei, Liebes?", fragt Marlene Grünblatt.
"Maman! Du weißt, ich kann diese Leute nicht ertragen."
"Was habe ich nur für eine Familie!"
Wieder ein Tag der Klagelieder, denkt Rachel. Die Ärgerfalte vertieft sich.
"Dein Vater hat auch mal wieder etwas vor. Probe mit dem Orchester, weil die Geiger ihre Partie nicht beherrschen."
"Es sind die Celli, Maman", stellt Rachel klar.
"Wie auch immer! Meine Familie interessiert sich nicht für das, was mir wichtig ist. Aber das ist ja nichts Neues."
Rachel denkt an den Vater. Wie oft hat er versucht, seine Gattin für Musik zu begeistern. Und Literatur. Leider vergebens. Aber einen Salon muss sie leiten, die Mutter. "Gut, Maman", sagt Rachel. "Ich werde da sein, lächeln, mit den Gästen Konversation machen, mir ihre schrecklichen Texte und ihre dummen Ansichten anhören. Und sogar das abscheuliche Getriller ertragen."




Presse- und Leserstimmen zu "Leichentuch und Lumpengeld":

"Kirchenzeitung" für das Erzbistum Köln:
"Das Hauptaugenmerk der Autorin ist nicht auf die Tötungsdelikte gerichtet, sondern sie beschreibt mit leiser Ironie eine Zeit im Umbruch, in der grundsätzliche Ansichten aufeinanderprallen."

"Strapazin - das geschriebenen Wort" (Schweiz):
"Gabriella Wollenhaupt ist eine bekannte deutsche Krimiautorin, die normalerweise eine Detektivin mit dem schönen Namen Grappa auf Kriminalfälle ansetzt. ‚Leichentuch und Lumpengeld' ist äußerst süffig und mit der richtigen politischen Haltung geschrieben."

"Westfälische Rundschau"
"Im Präsens geschrieben, zeichnet die Autorin ein liebevoll-ironisches Sittengemälde des Vormärz. Lässt ein Panoptikum an Figuren um zwei mysteriöse Mordfälle kreisen - und haucht nicht zuletzt Heinrich Heine humorvoll wieder Leben ein. Amüsant zu lesen, spannend, lehrreich ist die komplexe Mordgeschichte."

"Ruhrnachrichten"
"Leichentuch und Lumpengeld spielt im deutschen Vormärz und wirft anlässlich des Mordes an einem Fabrikanten einen ironischen Blick auf eine Gesellschaft zwischen Biedermeier, Revolution und Industrialisierung."

K. Beck-Ewerhardy bei "amazon":
"Viele historische und literarische Verknüpfungen, mit einem charakterlichen Gegenentwurf zu Theodor Fontanes "Effi Briest" in der Gestalt der jungen Jüdin Rachel Grünblatt und einem tatsächlich im Roman auftauchenden Heinrich Heine. Neben einer interessanten Krimihandlung auch ein guter Einblick in das Leben der Menschen im Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts."

"Wanda Turning" bei "amazon":
"Ja, da schickt uns Gabriella Wollenhaupt in eine ganz andere Welt: vom nüchternen Bierstadt nach Morgenthal. Und sie fasziniert jenseits des modernen Lebens mit gründlicher Recherche, amüsanten literarischen Seitenhieben, Verknüpfungen und Andeutungen, die den gebildeten Leser schmunzeln lassen und den weniger belesenen trotzdem erfreuen. Ein schönes lesenswertes Buch das zudem noch das Wissen über den Anfang des 19. Jahrhunderts erweitert. Danke, Frau Wollenhaupt, Sie haben mir ein schönes Wochenende gemacht."

Dietmar Stanka bei "büchetitel.de":
"Gabriella Wollenhaupt hat ihr Bierstadt und Grappa verlassen und sich auf Spurensuche im 19. Jahrhundert begeben. Ein klasse Krimi mit einem hochinteressanten Hintergrund lädt mit viel Witz und Spannung zu einem Lesevergnügen der besonderen Art ein."