Rezension aus dem Jahrbuch 2009 des "Forum Vormärz-Forschung"
zum Thema "Literatur und Recht im Vormärz", Aisthesis-Verlag...

Gabriella Wollenhaupt: Leichentuch und Lumpengeld. Dortmund: Grafit, 2008.

Der Vormärz war eine faszinierende Epoche, voll von Umbrüchen, gesellschaftlichen Konflikten und ungeheurer wirtschaftlicher Dynamik. Das hat vermutlich auch Gabriella Wollenhaupt gereizt, ihren historischen Krimi Leichentuch und Lumpengeld nicht wie derzeit gängig im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit, sondern 1845 in der fiktiven Industriestadt Morgenthal anzusiedeln. So kann sie die derzeitige Popularität des historischen Krimis nutzen, gleichzeitig aber auch mit einer besonderen Thematik hervortreten. Ungewöhnlich ist Wollenhaupts Krimi in vielerlei Hinsicht: Während es in vielen historischen Romanen darum geht, aktuelle Konflikte im geschichtlichen Gewand auszufabeln, versucht Wollenhaupt die historischen Zustände so präzise wie möglich zu rekonstruieren und aus ihren üppig vorhandenen Konflikten eine Krimihandlung zu konstruieren. Diese Idee ist durchaus einleuchtend, denn nach heutigen Maßstäben war im Vormärz vieles, eigentlich fast alles kriminell, vor allem die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Industriearbeitern und -arbeiterinnen, die halsabschneiderischen Methoden im Geschäftsleben und die rechtlose Situation von Frauen aller Schichten, was die Autorin durchaus in den Vordergrund stellt. Bei all diesen Missständen hat sich das erste Mordopfer des Kriminalromans, der fiese Fabrikant Hartenau, durchaus hervorgetan, weshalb die lokale Gendarmerie und der aus Berlin herbeigeschickte Kriminalpolizist sich vor lauter Verdächtigen kaum retten können. Weshalb, wie in Krimis durchaus üblich, bald ein zweiter Mord geschieht, was die Konfusion zwar nicht auflöst, aber die Zahl der Verdächtigen zumindest einschränkt.

Die dominierende Schicht in Wollenhaupts fiktivem Industriestädtchen Morgenthal sind die im Vaterländischen Verein organisierten Honoratioren, die königstreu und antisemitisch gestimmt sind. Sie regieren allerdings nicht unbeschränkt, denn es gibt auch eine Opposition. Diese besteht aus der nur ansatzweise organisierten Arbeiterschaft und den liberalen Bürgern, zu denen ein mutiger Zeitungsherausgeber, ein engagierter Arzt und der Direktor des lokalen Orchesters gehören. Die Familie dieses Musikdirektors Grünblatt, besonders dessen Tochter Rachel, die sich im Laufe des Romans emanzipiert, steht im Mittelpunkt des Romans. Dazu gesellt sich bald deren Neffe Elias, der wegen revolutionärer Umtriebe aus Paris fliehen musste. Er trägt stets eine Jakobinermütze, ist Mitglied im Bund der Gerechten und Freund von Heinrich Heine, was in Morgenthal für eine Mischung aus Befremden und Faszination sorgt.

Wenn ihnen ihre umfangreichen kulturellen und literarischen Interessen dafür Zeit lassen, versuchen die Liberalen, allen voran Rachel Grünblatt, den Mord aufzuklären, um zu verhindern, dass dieser den Proletariern in die Schuhe geschoben wird. Die Autorin spielt augenzwinkernd mit den Klischees des Vormärz: Die Fabrikanten sind böse, die Proletarier wütend, trauen sich aber meist nicht, Widerstand zu wagen, die lokale Hure hat ein großes, freundliches Herz und die Liberalen haben schöne Ideale, was sie aber nur bedingt am Geldverdienen an unschönen frühindustriellen Zuständen hindert. Es wimmelt nur so von Auszügen aus Pamphleten und Literatur. Zahlreiche ironische Anspielungen erfreuen die eingeweihten Leser besonders, z.B. heißt der tapfere Zeitungsmacher Immermann und der Berliner Kriminalist von Kleist. Insgesamt bietet Leichentuch und Lumpengeld ein munteres Pastiche aus Historie, Ideenwelt und Literatur des Vormärz.

Freilich werden Missstände der Zeit bei aller Ironie nicht verharmlost, im Gegenteil, die Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie der sexuelle Missbrauch von jungen Arbeiterinnen durch Fabrikanten und leitende Angestellte sind ursächlich für die Morde, die am Schluss in bester Krimimanier aufgeklärt werden. Dabei bietet Leichentuch und Lumpengeld ebenso informative wie unterhaltende Lektüre, auch wenn, wie im historischen Roman üblich, die eingehende psychologische Charakterisierung der Figuren nicht im Vordergrund steht, atemberaubende Actionszenen keine große Rolle spielen und das Erzähltempo nicht sonderlich rasant ist. Aber der Autorin gelingt es, ein breit angelegtes Panorama einer frühindustriellen Stadt des Vormärz zu entwerfen, das trotz beträchtlicher Länge keine Längen hat. Dadurch, dass der Krimi keine wirklichen Helden hat, auch wenn Rachel Grünblatt und ihre Familie im Zentrum stehen, wechselt die Erzählperspektive häufig, was neue Spannungsbögen aufbaut und die Handlung auflockert. Dabei jongliert Wollenhaupt gekonnt mit zahlreichen Handlungssträngen, die sie am Ende souverän zusammenführt. Krimihandlung und historischer Roman sind dabei immer eng verwoben, so dass sowohl Krimiliebhaber als auch Freunde des Vormärz auf ihre Kosten kommen.

Christina Ujma (Berlin)